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Gibt es in der Wüste Dreck?

Von der steilen Karriere der Los Desastres

von Thomas Vieweg

Grundsätzlich betrachtet gibt es nur zwei Arten von Musikbands: Zum einen jene, die Musik für sich selbst betreiben, die ihre Befriedigung aus dem bloßen Zusammenspiel der Instrumente erlangen, für die eine reibungslose Probestunde hinter dicken Mauern im Bandraum ein wahrer Lustgewinn ist. Jene also, die Musik um der Musik willen betreiben.

Auf der anderen Seite dieser Grobeinteilung finden sich jene Musikformationen, die zwar auch mehr oder minder intensiv hinter Kellertüren proben, um ihr Handwerk zu perfektionieren. Sie verfolgen aber dies nicht zum Selbstzweck, sondern stets mit dem Ziel, das erprobte Können einmal einem Publikum präsentieren zu können. Jene Bands also, die ihr Handwerk nicht primär für sich, sondern für ihr reales oder perspektivisches Publikum betreiben. Einmal den Durchbruch schaffen, mit der Musik Geld verdienen, reich, erfolgreich und berühmt werden - der Traum der Stars in spe.

Ein Nachteil von Grobeinteilungen ist, dass sie selten zur Absolutheit genügen. Eine Band, die diese Kategorien zur Makulatur werden lässt, ist Los Desastres. Die selbst ernannte "dreckigste Band" vereint beide Zielrichtungen von Musikformationen trefflich und lässt die Grenzen zwischen Probe und Auftritt verfließen. Das Publikum findet sich beim Konzert der Berliner Musiker im Gefühl vereint, die Musiker gerade überrascht zu haben.

Los Desastres biedern sich dem Zuhörern nicht an - sie spielen ihre Musik, als würden sie diese für sich spielen. Den nach einhelliger Bandmeinung "schmutzigsten aller Bandräume" in Berlin-Pankow verlegen die vier Desastres auch rein optisch regelmäßig auf die Bühne: Auf der Orgel befindet sich stets eine Tasse Whisky für Keyboarder Peter Boss. Für die Gitarristen Morton Pablo und Karsten Tsunetomo und den Schlagzeuger Toni Rentini stehen auf der Bühne wie im Bandraum stets einige Kästen Bier parat. Wichtig ist nicht, dass das Publikum bei Los Desastres vordergründig Spaß hat, sondern das der Zuhörer die Musik der Band erlebt und Spaß im Desastres-Format serviert bekommt. Nach der Logik des Pianospielers Boss heißt das: Los Desastres präsentieren einen Humor, "der sofort in Aggressivität umschlägt", denn schließlich sei Aggressivität ja Humor. Will man den Stil von Los Desastres beschreiben, so stellt man sich günstigstenfalls einen dreckigen Saloon vor. Es ist heiß und staubig, dem Alten an der Bar fehlen die Zähne nicht erst seit gestern und in der Ecke des gut besetzten Saloons spielt eine Band: die Los Desastres. Klar, dass die Stiefel der vier Musiker noch staubig sind vom letzten Ausritt. Klar, dass man noch schnell einen Drink an der hölzernen Theke nimmt, bevor der nächste Song ertönt. Bald bringt der Rhythmus der Los Desastres den Saloon in Fahrt, der Alte an der Bar nickt mit dem Kopf zum Takt. Als endlich "Dirty Horses" erklingt, ist die Stimmung am kochen. Auch den zahnlosen Alten hält es nicht mehr auf seinem Hocker. Klar ist auch, dass zu einer guten Saloonfete schließlich eine Schlägerei gehört, die den Abend ausklingen lässt - nicht für die Los Desastres. Die Vier sitzen längst auf ihren schmutzigen Pferden, um in die nächste staubige Stadt zu reiten.

Kann man diesem Musikstil einen Namen geben? Die Los Desastres können es; sie selbst bezeichnen ihren Sound als "spaghetti western desert music". Auch, wenn die Existenz von Dreck in der Wüste in der Fachliteratur seit Jahren diskutiert wird, gründete sich 1999 die "dreckigste Band" aus den beiden "Häwelmännern" Morton Pablo (Gesang, Bass) und Peter Boss (Orgel) sowie den zwei "Kellerprobern" Karsten Tsunetomo (Gitarre) und Toni Rentini (Schlagzeug). Seit dem arbeiten die Vier sowohl im Keller als auch auf der Bühne ihre "spaghetti western desert music" mit melancholischer Prägung. Von einem ersten Auftritt 1999 in "Björns Spirituosenladen" entwickelte sich die Karriere rasch. Vor allem in der "Chaussee der Enthusiasten" der Berliner Asphaltliteraten ritt die Band immer wieder aus. Bisweilen soll die Musik der Desastres so traurig klingen, dass bei Proben die Band aus dem Nachbarraum vorbeischaut, um sich nach dem Gemütszustand der vier Musiker zu erkundigen. Doch das Leben in der Wüste ist eben hart und schließlich schlägt Humor ja auch schnell in Aggressivität um. Zwei Themen tauchen so auch in den Songs von Los Desastres immer wieder auf: Gewalt und Alkohol.

Die Grenzen zwischen "schmutzigsten Bandraum" und "dreckigster Bühne" sind fließend. Und so ist eine Parallele zwischen Probe und Auftritt, dass es auch im Bandkeller ständig zu Prügeleien zwischen den Bandmitgliedern kommen soll. Wer dabei gewinnt, ist ein gut gehütetes Bandgeheimnis. Ebenso wie die Wahrheit darüber, ob die Hemden von Orgelmann Boss tatsächlich aus dem Besitz vom Rock `n` Roll King stammen oder, ob Schlagzeuger Rentini trotz Wohnung wirklich obdachlos ist. Wer nun fürchtet, sich angesichts dreckiger Bandräume auf einen Ausritt der Los Desastres zu begeben, kann beruhigt werden. Die Wüste in Berlin ist milder als anderswo und die Saloons sind meist auch nur noch in den Songs von Los Desastres das, was sie mal waren.

Der Autor gilt seit Jahren als ein Kenner der Berliner "Spaghetti-Western"-Musik und verfolgt regelmäßig die Alkohol- und Gewaltkultur in Berlin.